Bildlichkeit (Imagery)
Anschauliche, sinnliche Sprache, die innere Bilder entstehen lässt und die Lesenden in die Welt der Geschichte hineinzieht.
Zuletzt aktualisiertMit Bildlichkeit, im Englischen Imagery, ist eine Sprache gemeint, die die Sinne anspricht, also Sehen, Hören, Tasten, Riechen und Schmecken, und so lebendige innere Erlebnisse erzeugt. Durch sie werden abstrakte Gedanken konkret und die erfundene Welt greifbar. Starke Bildlichkeit beschreibt nicht bloß, wie etwas aussieht, sie lässt die ganze sinnliche Erfahrung neu entstehen: Die Lesenden sehen, hören, riechen, schmecken und spüren die Welt der Geschichte, als stünden sie mittendrin.
In Menschenkind ist Toni Morrisons Bildlichkeit körperlich und unvergesslich: Wenn es heißt, die Haut an Sethes rechter Seite sei weggesengt worden, entsteht eine Empfindung, die weit über eine bloß visuelle Beschreibung hinausgeht. Patrick Süskinds Das Parfum beruht fast ganz auf Gerüchen und erschafft ein Paris des 18. Jahrhunderts, das die Lesenden vor allem mit der Nase erleben. Cormac McCarthy schichtet in Die Abendröte im Westen optische Bilder so unerbittlich – rote, spurlose Wüsten, Sonnenuntergänge, die verglühen wie eine gewaltige Schmiede –, dass die Landschaft selbst zur Figur wird. Yoko Ogawa macht in Insel der verlorenen Erinnerung mit kargen, beklemmenden Bildern von Dingen, die sich auflösen und verschwinden, den abstrakten Begriff des Verlusts körperlich spürbar. Jhumpa Lahiris Erzählungen in Melancholie der Ankunft bauen ganze Gefühlslandschaften aus genauen häuslichen Details: der Duft von Kreuzkümmel in einer Mietwohnung, die Oberfläche eines bröckelnden Briefkastens. So verankern sie Entwurzelung und Sehnsucht in der sinnlichen Welt.
Für starke Bildlichkeit solltest du mehr Sinne ansprechen als nur das Sehen. Viele greifen ganz selbstverständlich zur optischen Beschreibung, doch Klänge, Berührungen, Gerüche und Geschmäcker wirken oft stärker, gerade weil man sie weniger erwartet. Sei genau: „der Geruch von Regen auf heißem Asphalt“ ist lebendiger als „ein angenehmer Geruch“. Wähl Sinneseindrücke, die doppelte Arbeit leisten und zugleich die körperliche Wirklichkeit und die Stimmung vermitteln. Ein Raum, der nach Desinfektionsmittel riecht und in dem eine Neonröhre summt, erzeugt ein ganz anderes Gefühl als einer mit Holzrauch und knarrenden Dielen, noch bevor du einen der beiden Orte beim Namen genannt hast. Lass deine Bilder der Stimmung und den Figuren dienen, nicht nur dem Schauplatz.