Katharsis
Die seelische Entladung oder Läuterung, die das Publikum durch Kunst erlebt, vor allem durch die Tragödie.
Zuletzt aktualisiertKatharsis bezeichnet die seelische Entladung oder Läuterung, die ein Publikum in der Begegnung mit Kunst erlebt, vor allem mit der Tragödie. Der Begriff stammt aus der Poetik des Aristoteles: Die Tragödie, so heißt es dort, erregt im Publikum Mitleid und Furcht (Eleos und Phobos) und bewirkt dadurch eine Reinigung von eben diesen Affekten, sodass die Zuschauer geläutert und seelisch wiederhergestellt zurückbleiben. Was Aristoteles genau gemeint hat, ist seit Jahrhunderten umstritten; im Deutschen hat schon Lessing in der Hamburgischen Dramaturgie darüber gestritten. Der Kerngedanke aber erklärt bis heute, warum wir Geschichten suchen, die uns leiden lassen: Wir gehen aus ihnen nicht geschwächt, sondern erneuert hervor, weil wir starke Gefühle im geschützten Raum der Fiktion durchlebt haben.
Sophokles' König Ödipus ist das Beispiel, das Aristoteles selbst anführt: Das Publikum sieht zu, wie ein edler Mann entdeckt, dass er unwissentlich seinen Vater getötet und seine Mutter geheiratet hat, und aus Entsetzen und Mitleid erwächst eine tiefe innere Entladung. Shakespeares König Lear erreicht die Katharsis über den qualvollen Weg des alten Königs von der Überheblichkeit zur Demut, der im erschütternden Tod Cordelias gipfelt, einer Szene, so herzzerreißend, dass seit Jahrhunderten darüber gestritten wird, ob man sie überhaupt ertragen kann. Im Kino der Gegenwart erreichen Filme wie Schindlers Liste und Die letzten Glühwürmchen eine Katharsis, indem sie ihr Publikum so ehrlich mit Leid konfrontieren, dass die innere Entladung nicht mehr von der moralischen Auseinandersetzung zu trennen ist. Auch jenseits der Tragödie wirkt Katharsis überall dort, wo Kunst Gefühlen Form und Abschluss gibt, die der Alltag verworren und unvollständig lässt.
Für Schreibende heißt das: Schwierige Stoffe sollen die Lesenden nicht traumatisieren, sondern verwandeln. Katharsis braucht Vorbereitung. Die Lesenden müssen emotional beteiligt sein, bevor eine Entladung etwas bedeuten kann. Wer das Leid überstürzt oder Trauer auf Trauer häuft, ohne zuvor eine echte Bindung an die Figuren zu schaffen, erzeugt Abstumpfung statt Katharsis. Ebenso wichtig ist ein Moment der Erkenntnis oder Entladung: nicht unbedingt ein glückliches Ende, aber ein Punkt, an dem der emotionale Druck ein Ventil findet. Die Lesenden sollten das Buch mit dem Gefühl zuklappen, dass sich in ihnen etwas gelöst hat, auch wenn sich in der Geschichte nichts gelöst hat. Das ist die uralte Kraft der Tragödie: Sie heilt die Welt nicht, aber sie macht sie erträglich.