Chiasmus
Eine rhetorische Figur, bei der zwei Satzteile spiegelbildlich angeordnet sind, sodass sich ihre Glieder überkreuzen (Muster AB:BA).
Zuletzt aktualisiertDer Chiasmus ist eine rhetorische Figur, bei der zwei oder mehr Satzteile spiegelbildlich gebaut sind: Die Glieder des ersten kehren im zweiten in umgekehrter Reihenfolge wieder, nach dem Muster AB:BA. Der Name kommt vom griechischen Buchstaben Chi (X), weil sich die beiden Hälften der Figur überkreuzen. Der Chiasmus vermittelt eine elegante Geschlossenheit, als sei ein Gedanke umgedreht und von beiden Seiten betrachtet worden. Er gehört zu den einprägsamsten Mitteln der Rhetorik, weil die Umkehrung Wendungen im Gedächtnis verankert: Das Ohr nimmt die Symmetrie wahr, noch bevor der Verstand die Bedeutung ganz erfasst hat.
John F. Kennedys „Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, frag, was du für dein Land tun kannst“ ist wohl der berühmteste Chiasmus der modernen Rhetorik; seine Kraft liegt darin, dass die Umkehrung aus einer passiven Erwartung eine tätige Pflicht macht. Shakespeare nutzt den Chiasmus häufig. „Schön ist hässlich, hässlich schön“ aus Macbeth verkörpert mit seiner Kreuzstellung das Thema des Stücks, die Umkehrung aller moralischen Ordnung, in der nichts ist, was es scheint. Im Deutschen kennt man den Chiasmus etwa aus Goethes Faust: „Die Kunst ist lang, und kurz ist unser Leben.“ Mae Wests Witz beruhte oft auf chiastischen Wendungen: „Nicht die Männer in deinem Leben zählen, sondern das Leben in deinen Männern.“ Und Milton lässt in Das verlorene Paradies Satan sagen, der Geist sei sein eigener Ort und könne in sich selbst aus der Hölle einen Himmel, aus dem Himmel eine Hölle machen. Der Chiasmus führt hier Satans Anspruch vor, dass die Perspektive die Wirklichkeit bestimmt.
Am wirkungsvollsten ist der Chiasmus, wenn die Umkehrung der Form eine Umkehrung des Sinns spiegelt: wenn er nicht nur dieselben Wörter umstellt, sondern eine neue Beziehung zwischen den Gedanken sichtbar macht. Ein Chiasmus, der bloß Wörter vertauscht, ohne Erkenntnis zu stiften („Ich mag das Kochen, und das Essen mag mich“), ist ein Partytrick, keine rhetorische Leistung. Such nach echten gedanklichen Umkehrungen, bei denen der Blick auf die Kehrseite eines Gedankens überrascht oder erhellt. In erzählender Prosa wirkt der Chiasmus am besten im Dialog, im inneren Monolog oder in den sorgfältig gefeilten Sätzen einer literarischen Erzählstimme. Sparsam eingesetzt, markiert er einen Moment gesteigerter rhetorischer Aufmerksamkeit. Zu oft eingesetzt, wirkt die Prosa gekünstelt und manieriert, als würde jemand vorführen statt mitteilen.