Euphemismus
Ein beschönigender oder umschreibender Ausdruck, der an die Stelle eines als zu hart oder anstößig empfundenen Wortes tritt.
Zuletzt aktualisiertEin Euphemismus ist ein milder, vager oder umschreibender Ausdruck, der ein Wort ersetzt, das als zu direkt, zu hart oder anstößig gilt. Euphemismen dämpfen die Wucht schwieriger Themen: Aus dem Sterben wird „entschlafen“ oder „von uns gehen“, aus der Kündigung eine „Freisetzung“, aus getöteten Zivilisten werden „Kollateralschäden“, ein Wort, das 1999 zum Unwort des Jahres gewählt wurde. Euphemismen sind tief in jeder Sprache und Kultur verwurzelt und zeigen, was eine Gesellschaft nicht beim Namen nennen mag. In der Literatur verraten sie etwas über Figuren, über gesellschaftliche Zusammenhänge und über die Kluft zwischen dem, was Menschen erleben, und dem, was sie auszusprechen wagen.
George Orwell untersuchte in seinem Essay Politik und die englische Sprache die politischen Gefahren des Euphemismus: Beschönigende Sprache diene dazu, Gräueltaten ehrbar klingen zu lassen, etwa „Befriedung“ für das Bombardieren von Dörfern oder „Bevölkerungstransfer“ für Vertreibung. In 1984 trieb er das mit dem Neusprech auf die Spitze, einer ganzen Sprache, die abweichendes Denken buchstäblich unaussprechbar machen soll. Im Deutschen hat Victor Klemperer in LTI die Sprache des Nationalsozialismus dokumentiert, in der Wörter wie „Sonderbehandlung“ Mord verschleierten. Margaret Atwood füllt in Der Report der Magd den Staat Gilead mit Euphemismen, der „Zeremonie“ für die ritualisierte Vergewaltigung oder dem „Salvaging“ für öffentliche Hinrichtungen, und zeigt, wie autoritäre Regime Gewalt sprachlich als Tugend tarnen.
Für Schreibende ist der Euphemismus ein zweischneidiges Werkzeug. Im Dialog verraten die Euphemismen einer Figur ihre soziale Herkunft, ihre seelische Verfassung und wie bereit sie ist, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen. Wer sagt „Sie ist jetzt an einem besseren Ort“, steht dem Tod anders gegenüber als jemand, der sagt „Sie ist tot“. In der Erzählstimme dagegen kann ein unbedachter Euphemismus deinen Text schwächen, weil er Abstand zwischen den Lesenden und der Wahrheit der Geschichte schafft. Wenn du schwierige Ereignisse beschreibst, entscheide bewusst, wie direkt du sein willst. Manchmal ist der Euphemismus genau der Punkt, weil er zeigt, wie eine Figur ausweicht oder eine Gesellschaft heuchelt. Manchmal ist es am stärksten, die Dinge beim Namen zu nennen und die Lesenden ihr ganzes Gewicht spüren zu lassen.