Glossar

Pathetic Fallacy (vermenschlichte Natur)

Das Zuschreiben menschlicher Gefühle an die Natur, oft um die innere Verfassung einer Figur zu spiegeln.

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Die Pathetic Fallacy ist eine besondere Form der Personifikation: Natur, Wetter oder Umgebung werden mit menschlichen Gefühlen ausgestattet, meist um die Gemütslage einer Figur zu spiegeln oder zu verstärken. Den Begriff prägte der viktorianische Kritiker John Ruskin. Er verwendete „pathetic“ im ursprünglichen Sinn von „gefühlsbezogen“ und „fallacy“ (Trugschluss), um zu betonen, dass die Zuschreibung objektiv unwahr ist. Ruskin missbilligte das Verfahren, doch es ist zu einem der beständigsten Werkzeuge des Erzählens geworden, um zwischen Figur und Schauplatz eine emotionale Resonanz herzustellen. Im Deutschen spricht man auch von Seelenlandschaft oder der Natur als Spiegel der Seele; berühmt ist Goethes Werther, dessen Naturbilder sich vom Frühlingsglück bis zu den Herbststürmen mit seiner Stimmung wandeln.

In Sturmhöhe lässt Emily Brontë die wilden, sturmgepeitschten Moore von Yorkshire die stürmischen Leidenschaften von Heathcliff und Catherine spiegeln, sodass die Landschaft selbst zum Ausdruck ihres Gefühlslebens wird. Shakespeare nutzt das Verfahren in König Lear, wo das Unwetter auf der Heide Lears seelischen Zusammenbruch spiegelt, und in Macbeth, wo sich nach dem Mord an Duncan eine widernatürliche Finsternis über Schottland legt. Im Film ist die verregnete Beerdigung so verbreitet, dass sie ans Klischee grenzt, was zeigt, wie tief das Publikum Wetter mit Gefühlen verknüpft.

Die Pathetic Fallacy wirkt, weil Lesende die Verbindung zwischen äußerer Umgebung und innerem Empfinden intuitiv akzeptieren; auch im Alltag sprechen wir von „trüben“ Tagen und „heiterem“ Sonnenschein. Gerade weil sie so vertraut ist, solltest du sie aber bewusst einsetzen. Gewitter beim Streit und Sonnenschein beim Happy End sind so erwartbar, dass sie vorhersehbar wirken können. Versuch es auch einmal gegen die Erwartung: Eine Figur, die an einem strahlenden Frühlingstag eine niederschmetternde Nachricht erhält, kann verstörender wirken als dieselbe Szene im strömenden Regen, weil der Kontrast zwischen Innen- und Außenwelt eine eigene Spannung erzeugt. Und wenn du das Verfahren auf klassische Weise einsetzt, mach die Details der Umgebung so konkret, dass sie frisch wirken.

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