Inhaltliches Lektorat (Developmental Edit)
Tiefgreifendes Lektorat der Gesamtanlage: Handlung, Figuren, Tempo und die Wirkung der Geschichte als Ganzes.
Zuletzt aktualisiertDas inhaltliche Lektorat (englisch developmental edit, auch substantive oder structural edit) ist die umfassendste Stufe der professionellen Textarbeit und verändert ein Manuskript am stärksten. Es nimmt die Gesamtanlage in den Blick: Aufbau und Tempo der Handlung, Entwicklung und Motivation der Figuren, eine durchgehaltene Erzählperspektive, thematische Geschlossenheit, Erzählstimme, die innere Logik des Weltenbaus und die Frage, ob die Geschichte als Leseerlebnis trägt. Statt einzelne Sätze zu verbessern, beurteilt die Lektorin, ob das Manuskript als Ganzes funktioniert, und schreibt ein Lektoratsgutachten, meist fünf bis zwanzig Seiten lang. Darin benennt sie strukturelle Stärken und Schwächen, erklärt, warum bestimmte Elemente nicht zünden, und macht konkrete Vorschläge für die Überarbeitung. Dazu kommen oft Randkommentare im Manuskript, die die großen Linien an einzelnen Passagen und Szenen festmachen.
Wie sehr das inhaltliche Lektorat die Literatur geprägt hat, ist gut belegt, auch wenn Lesende davon selten etwas mitbekommen. Maxwell Perkins, der legendäre Lektor des Verlags Scribner's, leistete genau diese Arbeit an F. Scott Fitzgeralds Der große Gatsby, Thomas Wolfes Schau heimwärts, Engel und Ernest Hemingways Fiesta. Alle drei Bücher wurden dadurch deutlich anders und besser als die eingereichten Manuskripte. Für Aufsehen sorgte später die Zusammenarbeit von Raymond Carver und Gordon Lish, als bekannt wurde, wie weitgehend Lish Carvers Erzählungen in ihrer Struktur umgebaut hatte. In der Unterhaltungsliteratur raten Lektorinnen und Lektoren routinemäßig dazu, Kapitel umzustellen, Figuren zusammenzulegen oder zu streichen, die innere Entwicklung der Hauptfigur zu vertiefen, die Motivation des Antagonisten zu schärfen, Nebenhandlungen zu kappen, die die zentrale Spannung verwässern, oder den Höhepunkt so umzubauen, dass er die Kernfrage der Geschichte einlöst. Die Lektorin sieht den Wald, wenn die Autorin vor lauter Bäumen die Orientierung verloren hat.
Das inhaltliche Lektorat gehört immer an den Anfang, vor Stillektorat, Korrektorat und Schlusskorrektur. Es hat keinen Sinn, Sätze zu polieren, die bei der strukturellen Überarbeitung vielleicht ganz gestrichen werden. Einer der häufigsten und teuersten Fehler besteht darin, diese Stufe zu überspringen und gleich ins Stillektorat oder Korrektorat zu gehen. Heraus kommt ein wunderschön geschriebenes Buch mit grundlegenden Konstruktionsfehlern, die keine noch so eleganten Sätze kaschieren können. Ein professionelles inhaltliches Lektorat ist eine erhebliche Investition, auf dem US-Markt für einen vollständigen Roman je nach Länge und Zustand des Manuskripts meist zwischen 2.000 und 7.000 US-Dollar. Dafür geht es genau die Probleme an, die am ehesten darüber entscheiden, ob Agenturen und Verlage ein Manuskript annehmen oder ablehnen. Im Selfpublishing ist es wohl noch wichtiger, denn dort gibt es kein Verlagslektorat, das strukturelle Schwächen abfängt. Wer sich ein professionelles inhaltliches Lektorat nicht leisten kann, sollte zumindest ausführliche Rückmeldungen von erfahrenen Testlesern oder einer Feedbackgruppe einholen, die das Manuskript auf struktureller Ebene beurteilen können, bevor die Arbeit an einzelnen Sätzen beginnt.