Checkliste: Roman überarbeiten
Überarbeiten ist keine einzelne Aufgabe, sondern eine Reihe gezielter Durchgänge, von denen jeder nach etwas anderem sucht. Wer versucht, alles auf einmal zu reparieren, landet bei einem verworrenen Manuskript und ist am Ende ausgebrannt. Arbeite diese Durchgänge der Reihe nach ab und schließ jeden ab, bevor du mit dem nächsten beginnst. Wenn du gerade erst die letzte Zeile getippt und noch nichts anderes gemacht hast, findest du in einer kürzeren Checkliste für die Woche direkt nach dem Fertigwerden, was zu tun ist, bevor Durchgang eins überhaupt beginnt.
Durchgang 1: Geschichte & Struktur
Der Wunsch treibt die Handlung an (das Königreich retten, den Prozess gewinnen). Das Bedürfnis treibt die Entwicklung der Figur an (vertrauen lernen, Kontrolle abgeben). Beides sollte am Ende des ersten Akts erkennbar sein.
Skizziere deine wichtigsten Plotpunkte. Was die Hauptfigur verlieren kann, sollte an jedem Wendepunkt größer werden. Wenn der Einsatz gleich bleibt oder sich wiederholt, verliert die Geschichte an Schwung.
Liste jede Nebenhandlung auf und markiere, wo sie endet. Offene Fäden wirken wie Versehen, es sei denn, sie sind deutlich für eine Fortsetzung angelegt oder thematisch gewollt.
Lies dein Ende noch einmal und prüf dann, ob die Saat dafür schon früher gelegt wurde. Wenn das Ende auf Zufall beruht oder auf Informationen, die die Leserin nie hatte, wirkt es hohl.
Markiere jedes Kapitel als „Spannung“ oder „Entspannung“. Wenn fünf Spannungskapitel aufeinanderfolgen, stumpft die Leserin ab. Wenn fünf Entspannungskapitel aufeinanderfolgen, langweilt sie sich. Sorge für einen Rhythmus.
Durchgang 2: Figuren & Motivation
Schreib für jede bedeutende Figur einen Satz: „[Name] will [X], weil [Y].“ Wenn du das nicht kannst, muss die Figur weiter ausgearbeitet werden.
Schurken, die einfach nur aus Bosheit böse sind, vergisst man schnell. Prüf, ob dein Antagonist ein schlüssiges Weltbild hat, das seine Taten aus seiner Sicht logisch macht.
Geh deine wichtigsten Wendungen durch. Wenn mehr als eine davon an einem Zufall hängt, an glücklichem Timing oder daran, dass eine Figur gegen ihren Charakter handelt, weil es der Handlung gerade passt, bau die Struktur um.
Schreib einen Satz darüber, wer die Hauptfigur am Anfang ist, und einen darüber, wer sie am Ende ist. Wenn beide Sätze gleich sind, fehlt der Figurenbogen oder er ist zu subtil.
Durchgang 3: Arbeit an den Szenen
Schreib für jede Szene einen Zweck auf: „Diese Szene [treibt die Handlung voran / zeigt etwas über eine Figur / erhöht den Einsatz], indem [konkrete Handlung].“ Wenn dir das schwerfällt, überleg, ob du sie streichst oder mit einer anderen zusammenlegst.
Konflikt heißt nicht Kampf, sondern gegensätzliche Kräfte. Eine Figur, die beim Abendessen ein Geheimnis verbirgt, ist ein Konflikt. Eine Figur, die durch eine schöne Wiese spaziert und angenehme Gedanken hat, ist keiner.
Markiere jeden Absatz, der nur Informationen liefert. Lässt sich die Information stattdessen zeigen, indem eine Figur sie entdeckt, darüber streitet oder darauf reagiert?
Prüf bei jeder Szene, ob du den ersten Absatz streichen könntest, ohne etwas zu verlieren. Mach dasselbe mit dem letzten Absatz. Straffere Szenen halten die Leserin bei der Stange.
Durchgang 4: Dialog & Stimme
Ein Gelehrter und eine Straßenhändlerin sollten nicht gleich klingen. Prüf für jede Figur Wortschatz, Satzbau und Sprechmuster.
Die besten Dialoge zeigen gleichzeitig etwas über die Figur, treiben die Handlung voran und unterhalten. Zeilen, die nur eines davon leisten, kannst du oft streichen oder verbessern.
Lies drei zufällig gewählte Kapitel laut vor. Ton, Sprachniveau und Satzstil sollten sich nach derselben Erzählstimme anfühlen, es sei denn, ein Wechsel der Stimme ist gewollt und markiert.
Durchgang 5: Feinschliff auf Satzebene
Such nach „war“, „waren“, „hatte“ und „kam“. Viele davon lassen sich durch aktive, präzise Verben ersetzen. Aus „Sie kam zur Tür“ wird „Sie erreichte die Tür“ oder „Sie stemmte sich mit der Schulter durch die Tür“.
Lies jeden Absatz auf ungewollte Echos hin. Wenn dasselbe auffällige Wort zweimal in drei Sätzen vorkommt, lenkt das die Leserin ab, auch wenn sie es nur unbewusst bemerkt.
Alle Schreibenden haben sie: „nur“, „wirklich“, „ziemlich“, „sehr“, „plötzlich“, „eigentlich“. Prüf sie mit der Suchfunktion. Die meisten Vorkommen kannst du einfach löschen.
Lies nacheinander nur den ersten und den letzten Satz jedes Kapitels. Das sind Positionen mit großer Wirkung. Sorg dafür, dass sie sich ihren Platz durch Genauigkeit oder Nachhall verdienen.
Lass eine Rechtschreibprüfung laufen, aber verlass dich nicht nur darauf. Lies das Manuskript laut vor, um Fehler zu finden, über die das Auge hinweggleitet: gleich klingende Wörter, fehlende Wörter und doppelte Formulierungen. Eine eigene Korrektorats-Checkliste deckt die Hälfte dieses Durchgangs ab, bei der es um Einheitlichkeit geht (Bindestriche, Begriffe aus dem Stilblatt, Regeln der Zeichensetzung), und die übersieht eine Rechtschreibprüfung allein.