Motiv (Leitmotiv)
Ein wiederkehrendes Element, das sich durch ein Werk zieht und dessen Themen entfaltet oder verstärkt.
Zuletzt aktualisiertEin Motiv ist ein wiederkehrendes Element, ein Bild, eine Wendung, eine Situation oder ein Gedanke, das in einem Werk immer wieder auftaucht und zur Entfaltung seiner Themen beiträgt. Kehrt es besonders auffällig und planvoll wieder, spricht man im Deutschen auch vom Leitmotiv, ein Begriff, der aus Wagners Musikdramen stammt und den Thomas Mann in die Literatur übertrug. Anders als ein Symbol, das schon bei einmaligem Auftreten Bedeutung trägt, gewinnt ein Motiv seine Bedeutung durch Wiederholung und Abwandlung. Jedes neue Auftauchen vertieft oder verkompliziert das Verständnis der Lesenden und erzeugt Muster, die der Erzählung Geschlossenheit und Folgerichtigkeit verleihen. Motive sind die Fäden, mit denen die Themen einer Geschichte in ihr Gewebe eingewirkt werden.
In Der große Gatsby kehrt das Motiv der Augen immer wieder, von der Reklametafel des Augenarztes T. J. Eckleburg bis zum Mann mit der Eulenbrille in Gatsbys Bibliothek. Es bildet ein Muster aus Beobachten und Beobachtetwerden und verstärkt die Themen Überwachung, Urteil und die Kluft zwischen Schein und Sein. Shakespeares Macbeth ist vom Motiv des Blutes durchtränkt, von Macbeths Frage, ob des großen Neptun Ozean dies Blut von seiner Hand wasche, bis zu Lady Macbeths zwanghaftem Händewaschen, und zeichnet so mit einem einzigen wiederkehrenden Bild den Weg der Schuld nach. In Hundert Jahre Einsamkeit macht Gabriel García Márquez die Wiederholung selbst zum Motiv: Namen, Ereignisse und Figurentypen kehren über Generationen wieder und verkörpern das zyklische Geschichtsbild des Romans.
Wenn du Motive entwickelst, wähle Elemente, die ganz natürlich in die Welt deiner Geschichte gehören, statt sie aus symbolischen Gründen hineinzutragen. Ein Motiv sollte bei seinem ersten Auftreten selbstverständlich wirken und bei seinem letzten unausweichlich. Verändere bei jeder Wiederkehr den Zusammenhang, damit es neue Bedeutungsschichten ansammelt, statt sich bloß zu wiederholen. Ein Motiv, das jedes Mal gleich auftritt, wird eintönig; eines, das sich mit Figuren und Handlung wandelt, wird zu einer starken verbindenden Kraft. Verfolge deine Motive beim Überarbeiten, damit sie oft genug auftauchen, um wahrgenommen zu werden, aber nicht so oft, dass sie plump wirken.