Wortzahlziele
Zielvorgaben für die Wortzahl pro Schreibtag und für die Gesamtlänge eines Manuskripts, ausgerichtet an den Erwartungen des Genres.
Zuletzt aktualisiertWortzahlziele wirken auf zwei Ebenen, die zusammen das Gerüst einer dauerhaften Schreibpraxis bilden: das Tagespensum, das verlässliche Arbeitsgewohnheiten aufbaut, und die Ziellänge des Manuskripts, die das fertige Werk mit den Erwartungen des Genres und den Gegebenheiten des Marktes in Einklang bringt. Ein Tagespensum von 500, 1.000 oder 2.000 Wörtern macht aus der einschüchternden Aufgabe, einen Roman zu schreiben, eine überschaubare Routine. Bei 1.000 Wörtern am Tag steht der erste Entwurf eines üblichen Romans von 80.000 Wörtern nach etwa drei Monaten, ein Zeitrahmen, der selbst neben Vollzeitjob, Familie oder anderen Verpflichtungen machbar wirkt. Die Ziellänge des Manuskripts spiegelt dagegen wider, was Lesende und Verlage im englischsprachigen Markt vom jeweiligen Genre erwarten: literarische Prosa meist 70.000 bis 90.000 Wörter, Thriller 80.000 bis 100.000, epische Fantasy 90.000 bis 120.000 (bei etablierten Namen manchmal über 200.000), Liebesromane je nach Subgenre 50.000 bis 90.000, Jugendbücher (Young Adult) 50.000 bis 80.000 und Kinderbücher für 8- bis 12-Jährige (Middle Grade) 25.000 bis 50.000. Diese Spannen sind nicht willkürlich, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Erfahrung mit Leseverhalten und Verlagskalkulation.
Die Schreibgewohnheiten erfolgreicher Autorinnen und Autoren zeigen überzeugend, dass ein stetiges, maßvolles Pensum über ein ganzes Schreibleben weit mehr hervorbringt als gelegentliche Marathonschübe. Stephen King schreibt nach eigener Aussage etwa 2.000 Wörter am Tag und beschreibt diese Praxis in Das Leben und das Schreiben als Grundpfeiler seiner Laufbahn mit über sechzig Romanen. Der viktorianische Romancier Anthony Trollope schrieb morgens, bevor er zu seiner Stelle bei der Post aufbrach, exakt 250 Wörter pro Viertelstunde und kam so auf siebenundvierzig Romane. Brandon Sanderson berichtet, dass er in Entwurfsphasen zwischen 2.000 und 4.000 Wörter am Tag schreibt, ein Tempo, mit dem er mehrere Romane pro Jahr in verschiedenen Reihen veröffentlicht. Literarische Autorinnen und Autoren wie Donna Tartt (Der Distelfink) und Junot Díaz (Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao) ließen dagegen zehn Jahre oder mehr zwischen zwei Romanen verstreichen. Das richtige Tempo gibt es also nicht. Entscheidend ist: Welches Tagespensum du auch wählst, Durchhaltbarkeit und Regelmäßigkeit zählen mehr als die Menge an einem einzelnen Tag.
Die üblichen Längen pro Genre haben handfeste Gründe, die über künstlerische Fragen hinaus in die Wirtschaft und Logistik des Verlagswesens reichen. Verlage kalkulieren den Preis unter anderem nach Seitenzahl, und die Druckkosten steigen mit dem Umfang. Ein Debütroman mit 200.000 Wörtern ist deshalb kaum zu verkaufen: Die Herstellung pro Exemplar ist teuer, der Ladenpreis muss steigen, und für einen unbekannten Namen ist das eine abschreckend große Leseverpflichtung. Umgekehrt würde eine epische Fantasy mit 40.000 Wörtern die Erwartungen an Weltenbau, Figurentiefe und erzählerische Breite enttäuschen, die das Genre ausmachen. Agenturen und Lektorate lehnen Manuskripte, die deutlich aus dem üblichen Rahmen fallen, oft ab, bevor sie einen einzigen Satz gelesen haben, weil extreme Länge in die eine oder andere Richtung verrät, dass jemand den Markt nicht kennt, für den er schreibt. Recherchiere die Erwartungen deines Subgenres deshalb früh und verfolge deinen Fortschritt mit einem Wortzähler. Viele Schreibprogramme und Projektwerkzeuge haben eingebaute Übersichten, mit denen du Tagespensum und Gesamtziel im Blick behältst. Wer sein Ziel von Anfang an kennt, erlebt nicht bei 150.000 Wörtern die schmerzhafte Erkenntnis, dass der eigene Gegenwartsliebesroman doppelt so lang ist, wie der Markt es hergibt.