Glossar

Stimme (Voice)

Die unverwechselbare Persönlichkeit und der Stil einer Autorin oder eines Autors, wie sie sich in Wortwahl, Satzbau und Haltung zeigen.

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Die Stimme ist die unverwechselbare Persönlichkeit, die aus der Prosa einer Autorin oder eines Autors spricht: die Summe aus Wortwahl, Satzbau, Rhythmus, Haltung und Empfindsamkeit, durch die sich das Werk der einen grundlegend vom Werk des anderen unterscheidet. Sie ist mehr als Stil, den man nachahmen kann, eher eine literarische Identität: die besondere Art, wie jemand die Welt sieht, übersetzt in Sprache. An der Stimme erkennt man einen Absatz ohne Namensangabe sofort als Text einer bestimmten Autorin oder eines bestimmten Autors.

Ernest Hemingways Stimme ist karg, nüchtern feststellend und emotional zurückgenommen, gebaut aus kurzen Sätzen und einfachen Wörtern, die unter der Oberfläche enormes Gewicht tragen. Joan Didions Stimme ist kühl, präzise und von hypnotischem Rhythmus und macht aus persönlicher Beobachtung eine Diagnose der Kultur. Toni Morrisons Stimme in Menschenkind ist beschwörend und vielschichtig und verbindet das Lyrische mit dem Brutalen auf eine Weise, die niemand sonst nachahmen kann. Solche Stimmen sind keine Techniken, die man aus dem Lehrbuch lernt, sondern Ausdruck dessen, wie jemand Erfahrung in Sprache verwandelt.

Eine eigene Stimme zu entwickeln verlangt viel Lesen und noch mehr Schreiben. Viele beginnen damit, Autorinnen und Autoren nachzuahmen, die sie bewundern, und das ist eine wertvolle Übung. Irgendwann aber muss die Nachahmung dem Eigenen weichen. Deine Stimme entsteht dort, wo das, was dir wichtig ist, auf die Art trifft, wie du dich ganz natürlich ausdrückst. Schreib genug Fassungen, und es zeigen sich Muster: bevorzugte Satzlängen, wiederkehrende Bilder, typische Rhythmen. Achte auf diese Muster, denn in ihnen drängt deine Stimme an die Oberfläche. Erzwing keine Stimme, die nicht deine ist; die Lesenden spüren die Anstrengung.

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