Glossar

Erlebte Rede

Eine Erzähltechnik, die Gedanken und Sprechweise einer Figur ohne Anführungszeichen oder Redebegleitsatz mit der Erzählung in der dritten Person verschmilzt.

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Die erlebte Rede (englisch Free Indirect Discourse) lässt die Stimme der Erzählinstanz mit den Gedanken und der Sprechweise einer Figur verschmelzen, ohne Anführungszeichen, Kursivschrift oder Zusätze wie „dachte sie“. Das Ergebnis liest sich wie Erzählung in der dritten Person, trägt aber Wortwahl, Rhythmus und Gefühlsfärbung der Figur. Ein Schulbeispiel aus der deutschen Erzähltheorie ist der Satz „Morgen war Weihnachten“: Präteritum und dritte Person gehören dem Erzähler, das „morgen“ und die Vorfreude gehören der Figur. So entsteht Nähe, ohne dass die Beweglichkeit der dritten Person verloren geht.

Jane Austen beherrschte die Technik schon früh meisterhaft. In Emma verschmelzen Sätze wie „Mr. Knightley war im Grunde einer der wenigen Menschen, die an Emma Woodhouse Fehler entdecken konnten, und der Einzige, der sie ihr jemals vorhielt“ unmerklich die Sicht der Erzählerin mit Emmas eigenem Selbstbild. James Joyce trieb die Technik im Ulysses weiter, wo Leopold Blooms Gedanken nahtlos in die Erzählung übergehen.

Die erlebte Rede ist so wirkungsvoll, weil sie dir Zugang zum Innenleben einer Figur verschafft, ohne die Enge der Ich-Perspektive und ohne die Schwerfälligkeit ständiger „dachte sie“-Zusätze. Die Lesenden befinden sich zugleich im Kopf der Figur und außerhalb davon. Dafür brauchst du allerdings eine genaue Kontrolle über Wortwahl und Satzbau, denn die Lesenden müssen intuitiv spüren, wessen Sicht den Text gerade färbt.

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