Bewusstseinsstrom (Stream of Consciousness)
Eine Erzähltechnik, die den ununterbrochenen, ungefilterten Fluss der Gedanken einer Figur nachzubilden versucht.
Zuletzt aktualisiertDer Bewusstseinsstrom versucht, den ununterbrochenen, sprunghaften, oft chaotischen Fluss der Gedanken einer Figur wiederzugeben. Typisch sind lange Sätze, sparsame Zeichensetzung, abrupte Themenwechsel und der Verzicht auf eine herkömmliche Erzählstruktur. Die Lesenden sollen erleben, wie es ist, sich in einem denkenden Bewusstsein zu befinden.
Das berühmteste Beispiel ist James Joyces Ulysses, vor allem Molly Blooms Schlussmonolog: ein ungebrochener Strom von Gedanken, Erinnerungen und Assoziationen ohne Satzzeichen, über Dutzende Seiten hinweg. Virginia Woolf nutzt in Mrs Dalloway eine gezähmtere Form und gleitet mühelos von einem Innenleben ins nächste, ohne die Lesbarkeit zu opfern. William Faulkner fängt in Schall und Wahn mit dem Bewusstseinsstrom das verworrene Denken Benjy Compsons ein. Im Deutschen hat Arthur Schnitzler die Technik schon 1900 in Leutnant Gustl erprobt.
Der Bewusstseinsstrom verlangt Schreibenden wie Lesenden viel ab. Am besten funktioniert er, wenn die Gedankenwelt der Figur reizvoll genug ist, um auch ohne klassische Spannungshaken zu fesseln. In der Unterhaltungsliteratur ist die Technik selten, in der literarischen Prosa aber bis heute einflussreich. Viele zeitgenössische Autorinnen und Autoren nutzen Elemente davon, kurze Ausflüge in ungefilterte Gedanken, statt ihn über lange Strecken durchzuhalten.