Blankvers
Ungereimte fünfhebige Jamben: ein Versmaß, das die Disziplin des Metrums mit der Freiheit vom Reim verbindet.
Zuletzt aktualisiertDer Blankvers ist ein ungereimter fünfhebiger jambischer Vers. Er bietet die rhythmische Ordnung des gebundenen Verses, ohne den Zwang des Endreims. Das englische „blank“ meint das Fehlen des Reims, nicht das Fehlen der Form: Der Blankvers ist metrisch streng, hält die fünfhebige jambische Zeile durch und befreit die Dichtenden nur von der Suche nach Reimwörtern. Diese Verbindung von Ordnung und Beweglichkeit hat ihn zu einer der wichtigsten und vielseitigsten Formen der englischen Literatur gemacht, gleichermaßen geeignet für Epos, Bühnenrede, Betrachtung und lyrische Beschreibung. Auch im Deutschen wurde er zum Vers des klassischen Dramas, seit Lessing ihn mit Nathan der Weise durchsetzte; Goethes Iphigenie auf Tauris und Schillers späte Dramen folgen ihm.
Henry Howard, Earl of Surrey, führte den Blankvers im 16. Jahrhundert mit seiner Übersetzung von Vergils Aeneis ins Englische ein, doch erst Christopher Marlowe und dann Shakespeare entfalteten sein volles dramatisches Potenzial. Shakespeares Blankvers entwickelte sich im Lauf seines Schaffens von den recht regelmäßigen Versen früher Stücke wie Richard III. zu den außerordentlich freien, sprechnahen Rhythmen später Werke wie Der Sturm, in denen Enjambements, Zäsuren mitten im Vers und metrische Abweichungen ein Versgewebe schaffen, das sich kaum noch von gehobener Prosa unterscheidet. Miltons Das verlorene Paradies machte den Blankvers zum Versmaß des englischen Epos und bewies mit seiner anhaltenden Erhabenheit, dass englische Dichtung ohne Reim das Gewicht des antiken Hexameters erreichen kann. Wordsworths The Prelude und Tennysons Ulysses erweiterten die Spannweite der Form auf die philosophische Autobiografie und den dramatischen Monolog.
Blankverse zu schreiben ist eine ideale Übung für metrisches Können, weil du dich ohne Reim ganz auf Rhythmus und Satzbau konzentrieren kannst. Schreib zunächst streng regelmäßige fünfhebige Jamben und führe dann nach und nach die Abweichungen ein, die den Blankvers lebendig machen: eine trochäische Umkehrung am Versanfang, eine schwebende Betonung für Nachdruck, eine weibliche (klingende) Kadenz für einen weicheren Schluss. Die größte Gefahr ist die Eintönigkeit, denn ohne Reim, der Muster und Abwechslung stiftet, muss das Versmaß die ganze musikalische Arbeit leisten. Achte darauf, wie Shakespeare und Milton Enjambements nutzen, um Sätze über mehrere Verse zu spannen, damit der Vers nicht in eine Kette abgeschlossener Zehnsilbler zerfällt. Ziel sind Verse, die wie gehobene, musikalische Rede klingen: rhythmisch geordnet, aber nie leiernd, förmlich, aber nie steif.